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Um die globalen C02 Emissionen auf dem heutigen Stand zu halten, müssen wir in den nächsten 50 Jahren die Klimagase weltweit um 25 Milliarden Tonnen reduzieren. Robert Socolow von der US-Eliteuniversität Princeton hat dafür ein Szenario entwickelt. Er teilte die konkreten Klimaschutzmaßnahmen in 15 Sektoren.
Bei der Mobilität basiert sein Szenario, das mittlerweile ein Klassiker der Klima-Literatur ist, auf folgenden Annahmen:
In 50 Jahren werden 2 Milliarden Autos auf unserer Erde herumkurven. Sie alle fahren mit Bioethanol im Schnitt 16.000 km pro Jahr. Dabei verbrauchen sie 3,8 Liter pro 100 km. Von der gesamten Weltanbaufläche von 1500 Millionen Hektar werden wir für den Biosprit ein Sechstel benötigen. Der dafür notwendige Ertrag von 15 Tonnen pro Hektar soll durch pfluglose Landwirtschaft sichergestellt werden.
Die rekordverdächtigen15 Tonnen Ertrag pro Hektar erreicht sein Szenario durch den flächendeckenden Einsatz von Gentechnik. Sie wird den Einsatz des Pfluges überflüssig machen. So will zumindest der Vordenker aus Princeton die Welt aus dem Klimadilemma führen.
Hier in Österreich ist die Zukunft weit entfernt und mit Gentechnik will man nichts zu tun haben. Real liegt der Ertrag bei Raps für Biodiesel bei 3 Tonnen. Daraus kann man etwa 1.000 Liter Sprit gewinnen. Das reicht beim gegenwärtigen Durchschnittsverbrauch von 8 Liter pro 100 km gerade mal für 12.500 km. Wenn jedes Auto für seinen Jahresverbrauch einen Hektar Ackerland benötigt, müsste Österreich das Dreifache seiner Ackerfläche von etwa 14.000 km2 aufbieten nur um mit Biosprit mobil zu sein.
Langer Rede kurzer Sinn: Österreich wird niemals Selbstversorger bei Biosprit sein. Schon für die 10% Beimischungspflicht werden wir 80% der Pflanzenöle importieren müssen. Genauso wie beim Erdöl werden wir vom Weltmarkt abhängig sein. Auch stellt sich die Frage: Wenn Länder wie Ungarn und Rumänien selbst der Beimischungspflicht nachkommen, bleibt dann noch genug übrig für Österreich?
Auch die Länder, die uns mit Biodiesel versorgen sollen, werden sich an Weltmarktpreisen orientieren und diese werden mit wachsender Nachfrage steigen. Automatisch verringert der steigende Rapsverbrauch für Biosprit die handelbaren Mengen für die Lebensmittelindustrie. Sie muss auf andere Öle wie Palmöl umsteigen.
Ein Teufelskreis beginnt. Schon jetzt haben sich die Palmölimporte nach Österreich verdreifacht. Die Beimischung ist gegenwärtig ein buchhalterischer Trick. Die CO2-Emissionen aus dem österreichischen Straßenverkehr werden an die ausländische Landwirtschaft ausgelagert. Wenn Österreich so seine Treibhausgas-Bilanz aufbessert hat das Weltklima nichts davon.
Um Verwirrung zu stiften wird immer wieder erwähnt, dass in Europa erst 1,7 % der Getreideernte zu Biosprit verarbeitet wird. Das sei zu wenig um den Lebensmittelmarkt zu beeinflussen. Geschickt wird damit abgelenkt, dass die EU von der Weltproduktion an pflanzlichen Ölen bereits neun Prozent für die Herstellung von Biodiesel verwendet. Die USA ist gerade dabei ein Drittel der Maisernte zu verspriten. Natürlich haben so große Mengen Auswirkungen auf den globalen Lebensmittelmarkt.
Gemessen an den ökologischen und sozialen Kosten von Biosprit ist sein Beitrag für den Klimaschutz äußerst gering und volkswirtschaftlich gesehen zu teuer. Pro Tonne eingespartem CO2 fallen bei Agrotreibstoffen zwischen 150 bis weit über 300 Euro an. Volkswirtschaftlich effizient wären aber Vermeidungskosten von unter 50 Euro pro Tonne. Hackschnitzelanlagen und Kraftwärmekoppelungen erreichen diesen Wert mühelos. Auch die C02-Vermeidungsleistung liegt bei Biodiesel bei nur 3 Tonnen pro Hektar, bei einem Blockheizkraftwerk mit Hackschnitzeleinsatz können problemlos 16 Tonnen pro Hektar erreicht werden. Statt Biosprit wäre eine effektivere Nutzung der Pflanzen in Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) der klimaverträglichste und zugleich wirtschaftlichste Weg.
Die Entwicklungen der letzten Monate haben uns gezeigt, wie vernetzt unsere Welt ist. Der Klimawandel, der Ölpreisanstieg als auch die Lebensmittelkrise können nicht voneinander getrennt werden. Das Erkennen globaler Zusammenhänge ist Voraussetzung für effizienten Klimaschutz. Nur wenn wir uns mit den globalen Kreisläufen auseinandersetzen, kommen wir zu zukunftsfähigen Lösungen. Werden sie ausgeblendet, wird Klimaschutz leicht zur Durchsetzung von Interessen mächtiger Wirtschaftszweige missbraucht. Besonders drastisch zeigt uns dies der Zusammenhang zwischen Lebensmittelpreisen und Biospritproduktion.
Bevor wir die Bauern als die neuen »Ölscheichs« feiern, sollten wir uns überlegen wie wir die Welternährung in den Griff kriegen. Das Argument, man aktiviert nur die europaweit stillgelegten Flächen mit Energiepflanzen, greift zu kurz. Diese Betrachtungsweise lässt außer Acht, dass die EU hunderttausende Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzflächen in allen Ecken der Erde zur Eigenversorgung mitbenutzt. Allein 42 Millionen Tonnen Soja wurden 2003 zur Tiermästung importiert. Dabei schnitt sich Österreich 650.000 Tonnen Soja vom Futtermittelkuchen ab. Würde man die benötigten Futtermittel in Europa selbst anbauen, reichen die stillgelegten Flächen nicht aus um diese zu ernten.
Die Politik vergeudet Unmengen an Steuergelder für die Subventionierung von Biosprit aus Getreide, Zucker und Ölsaaten. Das geht zulasten der Nahrungsmittelproduktion, treibt die Preise und ist noch dazu wegen der energie- und flächenaufwendigen Herstellung unbedeutend für den Klimaschutz. Die Politik sollte diese Subventionen besser effizientere Maßnahmen wie zum Beispiel in die Ausweitung der Biolandwirtschaft stecken.
Dies wäre auch ganz im Sinne der 400 Forscher des Weltlandwirtschaftsrates. In jahrelanger Arbeit haben sie ähnlich dem Weltklimarat den globalen Zustand und Zukunft der Landwirtschaft analysiert. Er wird inzwischen von 54 Staaten unterstützt.
Das Resumee: Die Erforschung neuer Sorten, die optimal an die lokalen Bedingungen angepasst sind, eine bessere Ausbildung der Bauern und intelligentere Bewässerungssysteme versprechen mehr Erfolg als die Gentechnik und Biosprit. Die Agrarkonzerne wie Syngenta, Monsanto und BASF die am Bericht mitarbeiteten waren verärgert, weil der Bericht in Zweifel zieht, dass ihre Technologie den Armen nutzt. Die Unternehmen sprangen kurz vor der Schlusskonferenz in Johannesburg verärgert ab.
Literatur:
Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung, (Hrsg.) Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 11/ 2007
Pastowski, A., et al. ,2007: Sozial-ökologische Bewertung der stationären energetischen Nutzung von importierten Biokraftstoffen am Beispiel von Palmöl, Wuppertal, 235 S.
Wirtschaft & Umwelt, N1/2008: Schwerpunkt Essen Tanken, Zeitschrift, Wien, www.wirtschaftundumwelt.at
"Agrotreibstoffe - Freie Fahrt in die Sackgasse?", 2008: (Hrsg.) Klimabündnis Österreich, 1g-08, Wien
Eindämmung des Kohlendioxids, in: Spektrum der Wissenschaft, Spezial Energie & Klima, Nr.1/2007, Heidelberg, S.14- 21
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