AIMA – Der Klimawandel aus indigener Sicht

Indigene Umweltbeauftragte zur Unterstützung

der Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels

Traditionelles Wissen ist ein wichtiger Schlüssel für die Bekämpfung des Klimawandels und den Erhalt des Regenwalds. Heute liefert es eine wichtige Grundlage für Anpassungsstrategien an zunehmende Herausforderungen sowie neue, nachhaltige Einkommensquellen, um den Menschen die Möglichkeit zu bieten, auch im 21. Jahrhundert noch von und im Regenwald leben zu können. In unserer Serie „Rio Negro Faces“ stellen wir diesmal die Arbeit der indigenen Umweltbeauftragten vom Rio Negro vor, die einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise in der Region leisten.
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Eine Bäuerin im Amazonas-Sommer 2021 auf ihrem überschwemmten Feld an einem Nebenfluss des Rio Negro.

Extremwetterereignisse fordern Landwirt:innen weltweitKlimawandel hautnah

Zunehmende Dürren gefolgt von immer epochaleren Überschwemmungen halten nicht nur hier bei uns in Österreich Bauern und Bäuerinnen auf Trab. Auch auf den traditionell bewirtschafteten Feldern im Amazonas fordert der Klimawandel das fachliche Know-How, um weiterhin regionale Ernährung für die lokale Bevölkerung der nur wenig erschlossenen Region zu ermöglichen.  

Junge indigene Forscher:innen präsentieren den traditionellen Kalender ihrer Region, der sich an den Sternenkonstellationen orientiert

Sternenbilder als BauernregelnTraditionelles Wissen stärken

Seit Jahrtausenden orientieren sich Landwirt:innen überall auf der Welt an natürlichen Zyklen und steuerten dadurch den besten Zeitpunkt für Aussaat, Pflege und Ernte. Am Rio Negro zogen die Menschen dafür die abendlichen Sternbilder heran, die ihnen unter anderem auch Aufschluss über die Fortpflanzungs- und Laichzeiten der Tiere, Trocken- und Regenzeiten sowie Blütezeiten wichtiger Waldfrüchte gaben. Ein verlässliches System, das seit jeher die Versorgung mit Nahrungsmitteln aus der direkten Umgebung ermöglichte und durch seine Vielfalt und intelligente Nutzung natürlicherer Ressourcen bis heute Grundlage für den Erhalt und die Förderung der Biodiversität am Rio Negro ist. 

Dieses Wissen auch an die nächsten Generationen weiterzugeben und damit zu erhalten, ist Teil des Bildungsverständnis der Menschen am Rio Negro. In generationenübergreifenden Workshops lernen Schüler:innen von den Ältesten und erforschen dadurch das  traditionelle Wissen über die natürlichen Kreisläufe.

Kreisläufe geraten aus den Fugen

Doch seit einigen Jahren beobachten Menschen, dass die natürlichen Zyklen nicht mehr mit ihrem traditionellen Wissen übereinstimmen. Wenn aufgrund zunehmender Dürren oder Starkregenereignisse die Flusspegel nicht mit den Fortpflanzungszeiten der Fische übereinstimmen, wirkt sich das direkt auf die Nahrungssicherheit der lokalen Bevölkerung aus. Daher sammeln seit 2006 sogenannte AIMAs (portug. Abkürzung für indigene Umweltbeauftragte) zahlreiche Daten, dokumentieren natürliche Zyklen und Abweichungen von ihrem traditionellen Kalender. Mithilfe der Aufzeichnungen versuchen sie, regionale Lösungen für die auftretenden Probleme zu erarbeiten.  
Genilton Apolinario da Silva, indigener Umweltbeauftragter vom Volk der Baniwa

Netzwerke aufbauen und stärkenTraditionelles Wissen nutzen

Einer dieser AIMAs ist Genilton Apolinario da Silva, der auch im verlinkten Video zu Wort kommt. Er arbeitet seit 2018 als AIMA und ist außerdem Meliponi-Imker. Für seine Tätigkeit als AIMA bekommt er ein Stipendium, das zum Teil von internationalen Organisationen wie dem Klimabündnis getragen wird. Neben handschriftlichen und graphischen Aufzeichnungen halten die meisten AIMAs ihre Daten heute auch mithilfe eines Tablets fest – das vereinfacht die Skalierung und statistische Erfassung zur Klimamodellierung für die Region. Diese erfolgt in Zusammenarbeit mit Dorfältesten sowie brasilianischen Wissenschaftler:innen. Die Symbiose aus traditionellem und westlichem Wissen dient dabei als wichtige Grundlage zur Erarbeitung lokaler Lösungen gegen die negativen Auswirkungen des Klimawandels. Dabei geht es nicht zur darum, Aussaat- und Erntezeitpunkte anzupassen, sondern auch Jagd- und Wildtiermanagement zu betreiben, um das klimawandelbedingte Migrationsverhalten der Tiere besser zu verstehen.  

Generationenübergreifender Workshop mit AIMAs zum Thema Wildtiermanagement in der Dorfgemeinschaft Canadá do Ayarí.

Klimawandelanpassung durch DatenSelbstversorgung als Grundpfeiler

Diese Daten und das genaue Monitoring der natürlichen Zyklen liefern die Grundlage, um die Selbstversorgung der Menschen am Rio Negro auch künftig zu gewährleisten.  Denn bis heute decken die Menschen in den Region den Großteil ihres Bedarfs an Lebensmitteln aus der eigenen Produktion bzw. Jagd. Doch der Anbau von Obst und Gemüse ist mittlerweile auch Teil der nachhaltigen indigenen Wirtschaft in der Region: die kleinstrukturierte Vermarktung der eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse dient vielen Bäuer:innen mittlerweile als Nebenerwerb. Was genau es damit auf sich hat, erzählen wir in unserem nächsten Beitrag zur „Philosophie des stehenden Waldes“ am Rio Negro Ende Mai!  

Nachhaltiges Wirtschaften am Amazonas

Die Philosophie des stehenden Waldes

Die Philosophie des stehenden Waldes ist eine nachhaltige Form des Wirtschaftens, die den Wald wie einen lebenden Organismus behandelt: in Einklang mit natürlichen Zyklen ernten die Menschen dort nur das, was sie brauchen, um es später zu vermarktbaren Produkten zu verarbeiten – die Wälder selbst bleiben dabei unangetastet und werden nicht gerodet. Die Vermarktung erfolgt durch regionale Interessensverbände und transportiert neben der ökologischen auch eine soziale Botschaft: Die Produkte sind gleichzeitig Symbole für ein Wirtschaften in Kooperation mit der Natur und den Erhalt des Regenwalds.

Weitere Infos zur Partnerschaft am Rio Negro

Sie wollen mehr über unsere Arbeit am Rio Negro und das Leben der Menschen dort erfahren? Dann folgen Sie den Links unten.